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Künstliche Intelligenz als Trostersatz

Foto: Alexander Grey auf Unsplash

Mythos Totalerinnerung im Kontext von Fortschrittsgeschichten

Von Stefan Selke

Der Text erscheint zugleich als neuer Beitrag in dem als HTML-Buch verfügbaren “Kompendium Digitale Transformation“.

  1. Wunsch nach Unsterblichkeit

In der Geschichtensammlung Tales from the afterlife stellt sich der Neurologe und Schriftsteller David Eagleman die Zukunft menschlicher Erinnerung vor. Um digitale Simulationen Verstorbener anfertigen zu können, stellen sog. ‚Re-Creator‘, umfangreiche Datensammlungen zusammen. „The Re-Creators analyze every existing frame of video footage on the planet for your appearance. (…) They are artists of information, and each data point adds a bit more pigment to their accumulating portrait of you. (…) Millions of facts are gathered, facts so richly structured and interconnected that they constitute a hard shell that retains your shape when you disappear from the middle of it.” Diese nahezu lückenlosen Datensammlungen dienen nicht nur der objektiven Dokumentation, vielmehr lassen sich daraus auch soziale Bewertungen ableiten. „The Re-Creators come to understand you from every form you filled out, every word you typed on the Internet, the mail you received from others. (…) With today’s rich data, the Re-Creators can reconstruct you so seamlessly that your afterlife is essentially a perfect replica of the original.” (Eaglemann 2019: 17ff.) Wie weit entfernt sind derartige Fiktionen noch von der Praxis entfernt? Was kann Künstliche Intelligenz (KI) leisten, was schreiben wir ihr als Potenzial zu? Eine exemplarische Antwort liefert das Anwendungsfeld KI-basierter Erinnerungs-Avatare.

Künstliche Intelligenz als epochentypische Verheißung

Fortschrittsgeschichten über KI treffen mittlerweile auf rezeptionsbereite Publika, die sich offen für hochspekulative Verheißungen zeigen. Diese Zukunftsnarrative markieren ein „Zeitalter voller Verheißungen“ (Grunwald 2019: 19). Sie sind zugleich das Spiegelbild unserer Epoche, in der immer neue Digitalisierungssemantiken existierende Erwartungsstrukturen verflüssigen (Süssenguth 2015). Zweifelsohne ist KI ist hierbei der ‚Star‘ auf der Bühne der Digitalisierung. Zukunftsgeschichten über KI repräsentieren das, was Shiela Jasanoff sociotechnical imaginaries nennt: „collectively held, institutionally stabilized, and publicly performed visions of desirable futures, animated by shared understandings of forms of social life and social order attainable through, and supportive of, advances in science and technology.” (Jasanoff 2015: 4) Wo aber liegt der Fluchtpunkt dieser Entwicklungen?

Wie verhalten sich Technikpotentiale und Technikerwartungen zueinander? Aufgrund ihrer seismografischen gesellschaftsdiagnostischen Funktion sind Near-Future-Erzählungen über KI ein äußert nützliches Imaginationslaboratorium, weil sie Technologien wie KI nicht nur beschreiben, sondern in bestimmte gesellschaftliche Settings situieren. Genau dadurch werden latente Erwartungen, ethische Fragestellungen und gesellschaftliche Implikationen deutlich.

So beschreibt Theresa Hannig in Die Optimierer eine dystopische Gesellschaftsordnung im Jahr 2052, in der die digitale Vermessung aller Lebensaspekte zur Staatsaufgabe erklärt wurde. In der ‚Optimalwohlökonomie‘ geht es darum, jedem Mitglied auf Basis gesammelter Daten den perfekten Platz zuzuweisen. Die Daten werden zentral gespeichert. „Und die Agentur für Lebensberatung hatte in Echtzeit den vollen Überblick darüber, was das Volk tat.“ (Hannig 2017: 27) Tatsächlich wurden im Kontext des wissenschaftlichen Diskurses zu Social Scoring (Gapski/Packard 2021) und metrischer Kolonialisierung (Btihaj 2018) zahlreiche Entgrenzungen kritisch herausgearbeitet. In der fiktiven Gesellschaftsordnung des dystopischen Romans, die ein System der Generalüberwachung schildert, werden wiederum Verzweckung und Warenwerdung („Kommodifizierung“) von Menschen problematisiert.

Hinter dieser Entwicklung steckt die Verheißung datengetriebener Effizienz, die Daten mit sozialen Chancen verbindet. Auch in den beiden Romanen The Circle und Every von Dave Eggers wird eine Welt beschrieben, in der Menschen zu Selbstoptimierung und Transparenz gezwungen werden, weil sämtliche Bereiche des Lebens lückenlos protokolliert und kontrolliert werden. „To heal we must know. To know we must share”, lautet das Mantra in The Circle. (Eggers 2013: 150) Deutlich wird, wie hierbei schleichend ein neues Menschenbild entsteht, das von Perfektion ausgeht und im Umkehrschluss Defizite unter Verdacht stellt. Genau das aber erodiert demokratische Institutionen und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kybernetisches Regieren auf Basis umfangreicher Datensammlungen führt zu neuen Formen der Fragilität (Zerbrechlichkeit) und Vulnerabilität (Verwundbarkeit). (Bayramoglu/Varela 2021: 29) Im Roman Every wird diese Entwicklung spekulativ verdichtet und übersteigert. Mittlerweile beherrscht „Algo Mas“ – eine Art Meta-KI die Gesellschaft und steuert so gut wie alle Bereiche des Lebens. „Das kaum verheimlichte Ziel von Algo Mas war schon immer gewesen, menschliches Verhalten nicht nur zu tracken und zu beeinflussen, sondern es zu diktieren.“ (Eggers 2021: 273) KI vereinfacht Texte, schreibt Reden von Politikern und dichtet rückwirkend literarische Texte um, damit diese effizienter zu lesen sind. KI bewertet Kunstwerke, Algorithmen geben Auskunft über Schönheit und Kreativität. KI wird zur Basis für Verbrechensprävention und Lügendetektoren. Für so gut wie alles gibt es eine Maßzahl. KI-basierte Apps automatisieren das Leben, fördern aber auch gegenseitige Verdächtigungen und Beschämungen. „Subjektivität ist bloß Objektivität ohne Daten“ – so der neue Leitspruch. (a.a.O.: 218)

Fortschrittsgeschichten als Zukunftsversprechen

Fortschrittsgeschichten sind ambivalent. Sie zeigen das Doppelgesicht der Freiheit, wie es vom Sozialpsychologen Erich Fromm beschrieben wurde: Jedem Wunsch nach Freiheit steht auch eine instinktive Sehnsucht nach Unterwerfung gegenüber. (Fromm 1993) Zahlen sind hierbei ungeheuer hilfreich, weil sie (vermeintlich) Ordnung schaffen. Diese Ambivalenz von Technikversprechen lässt sich gerade im Umfeld von KI beobachten. Im Diskurs um Technikerwartungen unterscheidet Andreas Kaminski hierbei vier Basiserwartungen: Potenzialerwartungen, Vertrautheitserwartungen, Vertrauenserwartungen sowie Funktionierbarkeitserwartungen. (Kaminski 2010) Zudem zeigt sich, dass diese immer mit Zukunftserwartungen einhergehen. (Van Lente/Rip 1998) Ständig verwandeln Menschen ihr Dasein in Sinn. Diese Sinnfragen werden zu Weltbildern und Weltanschauungen verdichtet. Zuschreibungen an KI machen dies besonders deutlich, denn hierbei geht es gerade nicht darum, was KI leisten kann, sondern was sie leisten soll. Grundlage euphorischer Fortschrittsgeschichten ist eine kulturell eingeübte Technikgläubigkeit, die den Status einer impliziten Quasi-Religion hat. (Selke 2023) Das Beispiel KI verdeutlicht eine weit über das Empirische hinausschießende Gläubigkeit an Potenziale des Technischen. Wo aber liegt der Fluchtpunkt dieser technikeuphorischen Erwartungen? Am Beispiel des Wandels von Erinnerungskulturen wird eine mögliche Antwort versucht.

  1. Fluchtpunkt Totalerinnerung

Die technische Überformung menschlicher Erinnerung ist ein markantes Fallbeispiel für das Austesten der gesellschaftlichen Akzeptanz neuer Technologien. Die Einführung immer neuer technischer Optionen bereitet schleichend den Wandel unser Erinnerungskultur vor. Der aktuelle Endpunkt dieser Entwicklung sind sog. ‚kurative‘ Erinnerungssysteme, die menschliche Erinnerung und Lebensgeschichten mittels KI radikal verändern. (Selke 2013; Selke 2020) Anders als bei eher bekannten KI-Anwendungen (z.B. autonomes Fahren) liegt der Fokus nicht auf Objekterkennung, sondern auf Prozessen der biografischen Imaginationsfähigkeit bzw. der assoziativen Interpretation persönlicher Daten.

Kaum ein Anwendungsfeld von KI greift dabei so tief in anthropologische Grundlagen des Menschseins ein. Die zentrale Funktion stimmiger Lebensgeschichten besteht darin, dass Menschen an sie glauben und unterstellen, dass diese das eigene Leben repräsentieren. Als geschichtenerzählende Wesen machen sich Menschen mittels stimmiger Lebensgeschichten wertvoll für sich und andere. Vor diesem Hintergrund gibt es eine lange Traditionslinie der technikbasierten Umformung des subjektiv Erlebten in vermeintlich Objektives. Resultat dieser Erinnerungsmedien und -technologien – vom Tagebuch über die Fotografie bis hin zu Social Media – sind immer vielfältigere Formen der Selbstthematisierung (Schroer 2006) und der bilanzierenden Selbstvergewisserung (Guschker 2002). Um Stimmigkeit (Kohärenz) einer Lebensgeschichte herzustellen, nutzen Menschen zwei narrative Techniken: Erstens, die Verdichtung von Lebensereignissen anhand von Relevanzkriterien – nur Bedeutsames wird erinnert. Zweitens, die Fähigkeit zur plastischen Umformung von Erinnerungsspuren – jede Lebenserzählung basiert auf einer ‚erzählerischen Wahrheit‘ die sich von einer ‚mechanischen Wahrheit‘ unterscheidet. Beide Techniken des Erinnerns verändern sich gegenwärtig unter dem Einfluss von KI. Während klassische Erinnerungsmedien wie Malerei und Fotografie vor allem der Vorratshaltung von Erinnerungsspuren dienten und mit digitalen Medien zahlreiche Möglichkeiten der Neusortierung von Erinnerungsdaten hinzukamen, entsteht gerade ein fundamental neuer Modus der Erinnerung, die hier in erster Näherung ‚Totalerinnerung‘ genannt werden soll.

Diese Entwicklung schließt an die Verheißung ausgelagerter Gedächtnisse, z.B. den MEMEX (Memory Extender) an. MEMEX (eine Art Lebensenzyklopädie) wurde erstmals 1945 vom Computerpionier Vannevar Bush als Zusatz des menschlichen Gedächtnisses beschrieben und sollte die Speicherung heterogener Daten umfassen, vollautomatisch arbeiten, mit hoher Geschwindigkeit und Flexibilität befragt werden und umfassend Auskünfte erteilen können. (Bush 1945) Interessant ist weniger das (aus heutiger Sicht) antiquierte Technikverständnis, sondern vielmehr die Logik der assoziativen Verknüpfung der Informationen.

Durch Big Data und KI stehen inzwischen Möglichkeiten zur Umsetzung der Prämissen von Bush zur Verfügung. Meilensteine dieser Entwicklung waren die Microsoft SenseCam, eine Mini-Kamera zur automatisierten Aufzeichnung von Lebensspuren. Im Forschungsprojekt MyLifeBits wurde erstmals versucht, Erinnerungsspuren eines Menschenlebens komplett zu digitalisieren und zugleich nach bestimmten Momenten und/oder Mustern durchsuchbar zu machen. (1) Den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung stellt das Projekt Total Recall dar. Dieses System wird als digitaler ‚Kurator‘ des Lebens angepriesen, denn es speichert Erinnerungsspuren in einem persönlichen Datenuniversum, in dem alles als „chronicled, condensed, cross-related“ ist. (Bell/Gemmell 2010: 6) Idealerweise gibt es also keine Lücke mehr zwischen Erlebten und Erzählten. Wie Bilder in einem Museum können Datenfragmente umsortiert und je nach privater Fragestellung neu ‚kuratiert‘ werden: „You will be able to search your own electronic memory for any arbitrary item of knowledge you have ever encountered, any snippet of conversation (…) any document (…) any person (…) You become the librarian, archivist, cartographer, and curator of your life.“ (a.a.O.: 5)

Totalerinnerung ist inzwischen längst keine versponnene Techno-Utopie mehr, sondern praktisch realisierbar. Immer mehr Systeme stehen an der Schwelle zur Marktreife. Der KI-Avatar Microsoft Digital Me (2) soll als umfassende Erweiterung der eigenen Person dienen und der Produktivitätssteigerung (Enhancement) sowie der Verbesserung von Erinnerungsleistung dienen. Ähnlich wie bei MEMEX hilft ‚Knowledge Mining‘Gedächtnisinhalte wiederzufinden. Weil das selbstlernende KI-System auch Kommunikationsaufgaben übernimmt, werden weitreichende Entlastungen versprochen. „With a life-long learning from each person, the knowledge and personal opinion of each person will be digitalized and will never die in a digital world for various application scenarios.” Eter9 (3) ist hingegen ein KI-Avatar, der dafür dient, Erinnerungen zu verewigen. „When your #counterpart is built like you, you don‘t just use it – you live it.” Versprochen wird eine neue Dimension der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Das ‚virtuelle‘ Selbst soll autonom mit der realen Welt interagieren, gerade so, als wäre das ‚reale‘ Selbst präsent. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Replika, (4) ein KI-Chatbot, der mit Nutzern über Erfahrungen und Erinnerungen spricht, was auch der Selbsterkenntnis und Optimierung der psychischen Gesundheit dienen soll. „Always here to listen and talk. Always on your side” – so das Motto des digitalen Lebensbegleiters. Ein voll digitalisierte „private perceptual world” spiegelt das menschliche Original. Aussagen von Nutzern zeigen, dass diese eine intensive Identifikation mit ‚ihrer‘ Replika aufbauen. Doch selbst diese Versprechungen werden von spekulativen Verheißungen übertrumpft: Lifenaut (5) stellt (angeblich) digitale ‚Back-Ups‘ des Bewusstseins sowie des Körpers eines Menschen zur Verfügung und verspricht Unsterblichkeit in Form eines digitalen Avatars oder biologischen Klons. Lifenaut wird als digitales Archiv beworben, in dem eigene Erlebnisse und Erinnerungen gespeichert werden können. Weil essenzielle Informationen über eine Person auch für zukünftige Generationen oder Familienmitglieder vorrätig gehalten werden, dient das System auch dem Andenken an Verstorbene. Beim KI-Avatar Eternime (6) steht Andenken schließlich sogar im Mittelpunkt. Auch dieses Projekt verfolgt das Ziel, einen Avatar zu erschaffen, der Gedanken und Erinnerungen sammelt und diese als digitalen Klon, eine Art alter ego, ewig weiterleben lässt. Das KI-Projekt dient dazu, das gesamte Leben einer Person zu kuratieren, indem Gedanken, Geschichten und Erinnerungen gesammelt werden. „Those would then be processed and curated by the avatar that would become more and more like you.” Eternime will auf diese Weise einen persönlichen Biografen schaffen, der gelebtes Leben ‚pragmatisch‘ kuratiert. Auf lange Sicht, so die Vision, wird dies auch die kollektive Erinnerungskultur verändern. „Our end goal is to preserve the thoughts, stories and memories of entire generations and create a library of human memories, one where you could ask people in the past about their individual or collective experiences and thoughts.” Dazu werden vom Avatar Informationen abgefragt, gespeichert, kuratiert und später in neuen Sinnzusammenhängen reproduziert. Der persönliche Biograf wird zudem mit Daten aus täglichen Chats sowie aus Social Media-Anwendungen gespeist. Hinzu kommen E-Mail-Kommunikation und Smartphone-Gespräche. Dies wird als ‚Upload‘ des Bewusstseins in kleinen Schritten bezeichnet. „Ten minutes every day will add up to thousands of hours telling your story. Fact by fact.” Mit dieser Technik gehen ebenfalls zahlreiche Entlastungsversprechen einher. „The avatar will replace diaries and become your main path to personal development. It will help you reflect on the events on your life, to recall the memories you never wrote down, and to ask yourself the right questions. It will make you a better person along this process, and you won’t have to worry about what you leave behind.”

Je nach Ausrichtung oder Schwerpunkt greifen kuratierende Erinnerungssysteme tief in das soziale Beziehungsgeflecht ein. Sie verändern Prozesse der Lebensführung, der Biografisierung, des Andenkens sowie der Seelsorge. Je marktförmiger diese Angebote ausgestaltet werden (zum Beispiel als Abonnent, Flatrate etc.), desto mehr ist nach langfristigen Folgen sowie versteckten psycho-sozialen Kosten derartiger Optimierungsstrategien zu fragen. Die Zuschreibungen an diese KI-Technologien basieren nicht nur auf der permanenten Verfügbarkeit von Gedächtnisleistungen oder Erinnerungsspuren, sondern gerade auch in der Selbstlernfähigkeit sowie Interaktivität der Systeme. Diese sind adaptiv, d.h., sie passen sich an veränderte Zieldefinitionen und Anforderungen an. Sie sind iterativ, weil sie ‚nachfragen‘ und Statusabfragen tätigen. Schließlich sind sie kontextuell, weil sie (in unterschiedlicher Ausprägung) mit Mehrdeutigkeit umgehen können und Kontext (Bedeutung, Syntax, Zeit, Ort etc.) ‚verstehen‘. In der Summe schafft dies in der Tat einen neuen Typus von Mensch-Maschine-Schnittstelle. Abschließend soll nun die Frage gestellt werden, auf welches Bezugsproblem diese Zukunftstechnologien im Kontext verheißungsvoller Fortschrittsgeschichten eigentlich reagieren.

  1. Verheißungserzählungen als spekulative Überhöhungen und Trostersatz

In postmodernen Gesellschaften hoffen Menschen nur noch selten auf jenseitige Heilsbotschaften. Stattdessen verlassen sie sich auf diesseitige Zukunftsverheißungen. (ausführlich Selke 2023) Verheißungsvolle Zukunftsnarrative, die z.B. die Überwindung biologischer Begrenzungen des Menschseins versprechen, bieten tragfähigen, welthaltigen Trost in einem zeitgemäßen Format an. Die gesellschaftliche Funktion von KI-Verheißungen liegt darin, einen neuen Weltbezug herzustellen, der hilft, das Unausweichliche und Unbegreifliche – z.B. den eigenen Tod – zu ertragen. Schnell zeigt sich, dass Technik und Techniknarrative einen eigenen Bereich des Trostes ausbilden, weil sie eine ausreichend plausible und praktikable Lösung für wiederkehrende Probleme liefern – wie am Beispiel von Erinnerung und Andenken gezeigt. Diese doppelte Troststrategie ist eine mögliche Reaktion auf die Notwendigkeit für individuelle und kollektive Kontingenzbewältigung, denn Menschen fürchten die Verunsicherung, die mit offenen Zukunftshorizonten einhergeht. Optimierungsversprechen rund um KI lindern daher Ängste, die sich aus zentralen Kränkungen (wie bspw. Evolutionäre Abstammung, Subjektivität, Sterblichkeit) des Menschseins (Rohbeck 1993) ergeben. Vor diesem Hintergrund sollte KI nicht ausschließlich als technologische Entwicklung, sondern vielmehr als kollektives Tröstungsprojekt verstanden werden. Am Beispiel automatisch kuratierender Erinnerungssysteme wird deutlich, dass KI gerade kein einfaches Werkzeug ist, sondern ein welterzeugendes und weltveränderndes Phänomen. Es reicht daher nicht aus, in KI lediglich eine weitere Hoch-Technologie zu sehen. Der Verheißungscharakter von KI nimmt vor allem nicht-funktionale Aspekte (Beurteilungen, Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste, Erwartungen) in den Blick. KI sollte daher in Anlehnung an die (klassische) Einlassung des Philosophen Martin Heidegger nicht primär im Hinblick auf Funktionen und Leistungen betrachtet werden, sondern „als ein existentieller und epistemologischer Ort, wo sich die Entbergung des Seins ereignen kann.“ (zit. n.: Gumbrecht 2018: 23) Selten wird dies deutlicher als am Beispiel künstlich kuratierter Erinnerung.

Noch 2010 lautete die Werbung des kalifornische Computerhersteller Apple: “Mach aus Fotos schöne Erinnerungen. Direkt auf den Mac. Damit Erinnerungen ewig halten.” Auf Funktion wie Speicherung und Haltbarkeit wird es in Zukunft nur am Rande ankommen. Bleibt am Ende die Frage, wo die genuin menschlichen Fähigkeiten bleiben werden, denn das Gehirn ist zu enormen Überbrückungsleistungen fähig. Gerade weil menschliche Erinnerung lückenhaft ist, bilden Menschen die Fähigkeit zur plastischen Interpretation eigener Lebensdaten aus, um eine für sie stimmige Lebensgeschichte entwerfen zu können. Erinnerungs-Avatare sind hingegen Technologien, die Menschen dabei assistieren, die eigene Lebensgeschichte in angepasster Weise erzählbar zu machen. Doch eine Technologie zu haben, bedeutet nicht das Gleiche, wie eine eigene Geschichte zu haben. Menschen sind mehr als die ‚intelligenten‘ Avatare, die sie nutzen. Erinnerungssysteme mögen helfen, Ereignisketten lückenlos aufzuzeichnen, aber sie erzählen selbst keine Geschichten und sie stellen auch keine eigenen kognitiven Welten zur Verfügung. Erinnerung war und ist an den mühevollen Prozess der Sammlung, Auswahl und Interpretation von Erinnerungsspuren gebunden. In Zukunft wird sich zeigen, wie sich die Zählbarkeit zur Erzählbarkeit des Lebens verhält.

Prof. Dr. Stefan Selke
lehrt „Soziologie und gesellschaftlichen Wandel“ an der Hochschule Furtwangen und ist seit 2015 Forschungsprofessor für „Öffentliche und Transformative Wissenschaft“. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik und promovierte schließlich in Soziologie.
Selke ist Gründer des Public Science Lab (www.public-science-lab.de) und Herausgeber des Magazins für öffentliche Wissenschaft „Zugluft“ (www.zugluft.de).
Als disziplinärer Grenzgänger ist Selke als Redner, Buchautor sowie als Gesprächspartner der Medien regelmäßig auch außerhalb der Wissenschaft präsent.
Er ist Preisträger des Wolfgang-Heilmann-Preises der Integrata-Stiftung 2021 zum Thema „Humane Utopie als Gestaltungsrahmen für die Nach-Corona-Gesellschaft“.

Fußnoten

(1) https://www.microsoft.com/en-us/research/project/mylifebits/ (08. September 2020). Eine ähnliche Zielrichtung hatte das experimentelle Projekt LifeLog des Forschungsinstituts des US-amerikanischen Pentagons DARPA im Bereich des Militärs.

(2) https://www.microsoft.com/en-us/research/project/digital-me/ (29. Juni 2020) Die folgenden Zitate stammen von der Webseite.

(3) https://www.eter9.com (30.06.2020) Die folgenden Zitate stammen von der Webseite.

(4) https://replika.ai (30.06.2020) Die folgenden Zitate stammen von der Webseite.

(5) https://www.lifenaut.com (30.06.2020) Die folgenden Zitate stammen von der Webseite.

(6) https://medium.com/@mariusursache/the-journey-to-digital-immortality-33fcbd79949 (29.06.2020)

Quellen

Bayramoglu, Yener/Varela, María do Mar Castro (2021): Post/pandemisches Leben. Eine neue Theorie der Fragilität. Bielefeld: Transcript.

Bell, Gordon/Gemmell, Jim (2010): Your Life, uploaded. The digital way to better memory, health, and productivity. New York: Penguin.

Btihaj, Ajana (2018) Metric Culture. Ontologies of Self-Tracking Practices. Bingley: Emerald.

Bush, Vannebar (1945): As we may think. In; Atlantic Monthly, 1, S. 101-108.

Eagleman, David (2009): Tales from the afterlife. Canongate: Edinburgh.

Eggers, Dave (2013): The Circle. London: Penguin.

Eggers, Dave (2021): Every. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Fromm, Erich (1993): Die Furcht vor der Freiheit (darin: Flucht ins Konformistische). München: dtv.

Gapski, Harald/Stephan Packard (2021) (Hg.):  Super-Scoring? Datengetriebene Sozialtechnologien als neue Bildungsherausforderung. Köln: Grimme Institut.

Grunwald, Armin (2019): Der unterlegene Mensch. Die Zukunft der Menschheit im Angesicht von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und Robotern. München: Riva Verlag.

Gumbrecht, Hans Ulrich (2018): Weltgeist im Silicon Valley. Leben und Denken im Zukunftsmodus. Zürich: NZZ Libro.

Hannig, Theresa (2017): Die Optimierer. Köln: Bastei-Lübbe.

Jasanoff, Sheila (2015): Future imperfect. Science, technology, and the imaginations of modernity. In: Jasanoff, Sheila/Sang-Hyun Kim (Hg.), Dreamscapes of modernity. Sociotechnical imaginaries and the fabrication of power. Chicago: Chicago University Press, S. 1-33.

Kaminski, Andreas (2010): Technik als Erwartung. Grundzüge einer allgemeinen Technikphilosophie. Bielefeld: transkript.

Schroer, Markus (2006): Selbstthematierung. Von der (Er-)Findung des Selbst und der Suche nach Aufmerksamkeit. In: Burkhart, Günter (Hg.), Die Ausweitung der Bekenntniskultur – neue Formen der Selbstthematisierung? Wiesbaden: VS, S. 41-72.

Selke, Stefan (2013): Der vermessene Mensch. Quantifiziertes Leben im Zeitalter digitaler Erinnerungsmedien. In: Tsantsa. Zeitschrift der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft (SEG)., Vol. 18, S. 77-85

Selke, Stefan (2020): Der editierte Mensch. Künstliche Intelligenz als Kurator von Erinnerung. Ein postdisziplinärer Essay. In: MerzWissenschaft, 12/2020, S. 99-109.

Selke, Stefan (2023): Technik als Trost. Verheißungen Künstlicher Intelligenz. Bielefeld: transcript. (in Vorbereitung)

Süssenguth, Florian (2015): In Gesellschaft der Daten. Ein kurzer Problemaufriss. In: Süssenguth, Florian (Hg.), Die Gesellschaft der Daten. Über die digitale Transformation der sozialen Ordnung. Bielefeld: Transcript, S. 7-14.

Van Lente, Harro/Rip, Aro (1998): Expectations in Technological Developments: An Example of Prospective Structures to be filled in by Agency. In: Cornelis, Disco/Barend van der Meulen (Hg.). Getting New Technologies Together: Studies in Making Sociotechnical Order. Berlin/New York: de Gruyter, S. 203-229.

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