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Geplatzte Träume auf WM-Baustellen

Fußball WM (Foto Fauzan Saari auf unsplash)

Wanderarbeiter berichten von ihren Erfahrungen in Katar

Von Shafiqul Alam und Mikhail Flores

Sreepur (AFP) – “Was für ein unglaublich schönes Stadion”, schwärmt Aupon Mir vom Chalifa International Stadium. Der Steinmetz aus Bangladesch kennt das Stadion in Doha genau, in dem acht Spiele der Fußballweltmeisterschaft stattfinden werden, denn er hat den glänzenden Marmor im Inneren mit verlegt.  Doch für seine Arbeit sei er nie bezahlt worden, sagt Mir. “Mein Vorarbeiter hat uns die Stundenzettel weggenommen, kassierte das ganze Geld und haute ab.”

Mir ist einer von hunderttausenden ausländischen Arbeitern, die in Katar die Stadien und sonstige WM-Infrastruktur bauten. In der Hoffnung, dort viel mehr als in ihrer Heimat zu verdienen, zogen sie in den kleinen reichen Golfstaat.

Mir stammt aus Sreepur im ländlichen Westen Bangladeschs. Er lieh sich Geld von Verwandten und steckte seine gesamten Ersparnisse 2016 in die Reise nach Katar. Er arbeitete für eine indische Baufirma in sieben der WM-Stadien, oft zehn Stunden täglich in sengender Hitze. Manchmal hatte Mir tagelang nichts zu essen und wenn er seine Miete nicht bezahlen konnte, schlief er am Strand.

2020 wurde er verhaftet und abgeschoben, weil er keine gültige Arbeitserlaubnis hatte. “Ich kam mit 25 Rial (acht Euro) nach Hause zurück”, sagt Mir. “Ich hatte davon geträumt, ein besseres Haus zu bauen, ein besseres Leben zu führen und meine Kinder auf bessere Schulen zu schicken. Aber keine dieser Hoffnungen hat sich erfüllt.”

Auch Sravan Kalladi aus Indien berichtet von unmenschlichen Bedingungen in Katar. Kalladi arbeitete zusammen mit seinem Vater Ramesh für eine Firma, die Straßen zu den Stadien baute. Vater und Sohn teilten sich mit bis zu sechs weiteren Männern ein winziges Zimmer, “in dem nicht einmal vier Leute richtig sitzen konnten”, sagt der 29-Jährige.

Ramesh Kalladi arbeitete als Fahrer. “Er ging um drei Uhr morgens zur Arbeit und kam um elf Uhr abends zurück”, berichtet Sravan Kalladi. Nach einer solchen Schicht brach der 50-Jährige zusammen und starb.

Für den Tod des Vaters zahlte die Firma ein Monatsgehalt Entschädigung.  “Wir gehören der Firma, wenn wir leben, aber nicht, wenn wir tot sind”, sagt Kalladi. “Wir haben ihnen vertraut, sind für sie arbeiten gegangen, und sie haben uns im Stich gelassen.”

Der Bangladescher Babu Sheikh wird nie wieder auf einer Baustelle arbeiten.  Er stürzte bei der Arbeit in der Nähe von Doha vier Meter in die Tiefe und zog sich einen Schädelbruch zu. Vier Monate lag er im Koma; als er wieder aufwachte, war er blind. Insgesamt eineinhalb Jahre verbrachte er im Krankenhaus, die Behandlung musste die Familie selbst bezahlen. Er habe keinerlei Entschädigung erhalten, sagt Sheikh.

Die meiste Zeit sitzt er ruhig im Vorgarten seines Hauses. An manchen Tagen führt ihn sein Sohn auf den Markt oder zum Teestand. Der Junge ist fünf und wurde geboren, als der Vater in Katar war. Er hat ihn nie gesehen. “Ich will so nicht leben”, sagt Sheikh. “Ich will arbeiten. Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich mir Sorgen um die Zukunft meiner Familie mache.”

Katar steht wegen Todesfällen, schweren Unfällen und Lohnbetrugs bei den ausländischen Arbeitern in der Kritik. Das Emirat führte Reformen ein, um die Sicherheit der Arbeiter zu erhöhen und Verstöße von Arbeitgebern zu
ahnden.  Auch wurden hunderte Millionen Dollar an Entschädigungen gezahlt. Nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen kamen diese Verbesserungen jedoch zu spät und reichen nicht aus.

Abu Yusuf, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, hat hingegen gute Erinnerungen an Katar. “Die Kataris sind gute Leute, viele haben mir geholfen”, sagt der 32 Jahre alte Mann aus der Stadt Sadarpur in Bangladesch.
Er arbeitete als Fahrer, Bauarbeiter und Schweißer und verdiente rund 700 Dollar im Monat.

Am liebsten wäre Abu Yusuf jetzt in Katar, um sich ein Spiel im El Bayt-Stadion anzusehen, in dem er als Schweißer arbeitete. “Es ist ein wunderschönes Stadion. Ich bin stolz, dass ich es mit gebaut habe.”


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