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Wandel durch Haltung

Ausspuffrohre (Foto: Jonathan Gallegos auf Unsplash)

Ein Kommentar von Christoph Golbeck

Berlin (uvg) – Was lernen wir aus den Krisen unserer Gegenwart? Kommt dem Inhaberunternehmertum in Zeiten der großen Transformation eigentlich eine besondere Verantwortung zu? Davon ist unser Autor fest überzeugt. Als Vorsitzender unseres Trägervereins Unternehmen Verantwortung Gesellschaft e. V. setzt er sich dafür ein, den Ideen von Integrität und Verantwortungsethik als Leitprinzipien erfolgreicher Unternehmensführung, wie sie im deutschen Mittelstand fest verankert sind, zu mehr Geltung zu verhelfen. Er argumentiert hier, dieser Haltung gerade in Zeiten von Krieg und Krise eine herausgehobene Aufmerksamkeit zu schenken.

Im Frühjahr 2022 hat sich der Westen selber verraten. Deutlicher als je zuvor offenbaren sich die Widersprüche unserer Wirtschafts- und Lebensweise für jeden der es sehen möchte. Vielleicht zum ersten Mal müssen wir noch nicht einmal genauer hinschauen, um diese einfachen Wahrheiten zu erkennen: Der Benzinpreis kletterte nach der russischen Invasion in der Ukraine spontan über die 2 Euromarke. Genauso schnell wurde die Ostsee-Pipeline beerdigt und die rapide steigende Inflation benötigt nur wenig länger, um unsere Ideen von Marktwirtschaft und Wachstum infrage zu stellen.

Eingeklemmt zwischen zeitgleich auftretenden Krisen versagen unsere bewährten Verdrängungs- und Krisenbewältigungsmechanismen. Mit der „Ukrainekrise“ erleben wir einen postfossilen Lackmustest. Wir haben ihn nicht bestanden. Dabei scheint die kriegerische Invasion Russlands im Nachbarland nahtlos aus der Corona-Pandemie „herauszuwachsen“. Gnadenlos offenbart sich die Abhängigkeit unseres Lebenswandels von der fossilen Energiedroge. Weder das preiswerte Produzieren von Stahl und Beton noch unsere global vernetzten Lieferketten wären ohne (russisches) Gas und Öl denkbar. Daraus ergeben sich endlos viele Folgefragen.

Wie können wir als Werte-Gemeinschaft hoffen, Überzeugungskraft für die große Transformation zu entfalten, wenn wir es nicht einmal im Angesicht brutaler Angriffskriege schaffen, radikal mit unserem Wachstumsparadigma zu brechen? Was wird aus unserer Illusion des Weiter, Höher & Schneller, wenn wir unser Nein zum Tempolimit nicht mehr nur in Treibhausgasemissionen erkaufen? Belegt der Einsatz russischer Streubomben in ukrainischen Vorstädten nicht vielmehr beispielhaft, wie wir unseren Lebensstil schon immer auch mit Blut bezahlt haben? Ist es eigentlich noch zu rechtfertigen, über die (betriebswirtschaftliche) Zukunft deutscher Aluminiumhütten zu debattieren, wenn ukrainische Stahlwerke zeitgleich dem Boden gleichgemacht werden? Warum ist deutsches Betriebs-Eigentum in dieser Diskussion eigentlich mehr wert als das von ukrainischen Unternehmern?

Nun lässt sich trefflich streiten, ob wir als Deutsche für den Tod von Ukrainerinnen (mit-) verantwortlich sind. Nicht ausblenden lässt sich hingegen, dass wir einem imperialistischen Regime täglich viele hundert Millionen Euro für Gasimporte bezahlen. Daher ist eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit unserer wirtschaftlichen Schuldigkeit für das Geschehen jenseits unserer Grenzen notwendig! Unternehmen gehören zu den Hauptabnehmern importierter Energieträger. Demnach betrug der entsprechende Verbrauch nach Daten des Umweltbundesamts von Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen in Deutschland im Jahr 2020 nahezu das Doppelte privater Haushalte (siehe Grafik 1; kombiniert | Quelle: Umweltbundesamt, abgerufen am 05. Juni 2022).

Nun beschäftigen wir uns bei CSR NEWS seit bald zwanzig Jahren mit Themen der gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung. Was aber bedeutet die Auseinandersetzung mit diesen Fragen in Kriegszeiten? Hier ist zunächst festzustellen, dass vermeintlich alte Wahrheiten der Wirtschaftsethik in Kriegszeiten ein ganz neues Gewicht erhalten. Da wäre beispielsweise die Weisheit, demnach sich eine bewusste Steuerung ehrlicher „C[S]R“ (englischsprachiges Akronym für [soziale] Unternehmensverantwortung) nie aus der Marketingabteilung heraus organisieren lässt. Sie müsste klar in der DNA des Unternehmens verankert sein. Lange wurden Gedanken wie diese als fertig gedacht abgetan. Nun aber treten die tödlichen Konsequenzen unseres fossilen Energiehungers offen zu Tage. Die Bilder werden seit dem 24. Februar 2022 live aus der Ukraine auf deutsche Fernsehbildschirme eingespielt. Das Verdrängen wird schwerer.

(Deutsche) Unternehmen werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht, wenn sie selbst in Kriegszeiten nicht auf grundlegenden Dilemmata ihrer Wertschöpfungsketten hinweisen. Business as Usual ist hier nur noch unangemessen. Eigentlich ist ein „Weiter-So“ kriminell. Was aber verraten uns diese Abwägungen über die Enkelfähigkeit unseres Wirtschafts- und Politikbetriebs? Geht es um die Infragestellung des Wachstumsbegriffs, um einen Appell an Integrität und Moral oder ist grundlegender nach einer anderen Haltung zu fragen?

Als Inhaberunternehmer in zweiter Generation muss ich viele – vermeintlich unantastbare – Prinzipien unserer Betriebsführung auf den Prüfstand der Zukunftsfähigkeit stellen. Vielleicht lässt sich diese Maxime auf die vorliegende Diskussion übertragen. In dem Fall dürfen wir nicht länger die Augen vor der Realität verschließen. Warum überhören wir als Gesellschaft trotz allem so viele deutliche Warnzeichen? Die Buschbrände in Australien nehmen genauso zu wie die in Kalifornien. Die Pandemie lieferte uns eine Zoonose wie aus dem medizinischen Wörterbuch. Fridays4Future wird so weit wie möglich überhört – „Fuck Greta“-Aufkleber am Diesel-SUV hin oder her. Und auf dem indischen Subkontinent werden früher als jemals zuvor in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen lebensfeindliche Temperaturen jenseits der 50 Grad Celsius erreicht. Der stehende Begriff des „Sweat Shops“ erlangt dadurch eine ganz neue Bedeutung. So ist es wenig verwunderlich, dass der deutsche Welterschöpfungstag in diesem Jahr vom 29. Juli (2021) auf den 04. Mai vorverlegt wurde.

Es ist ganz eindeutig: Unser Umgang mit der Ukrainekrise hat uns verraten. Wir sind nicht einmal im Ansatz bereit, die vernichtende Dynamik unserer kapitalistischen Lebens- und Wirtschaftsweise infrage zu stellen. Notwendig ist eine neue Kultur des Wandels durch Haltung. Dabei kann unsere Gesellschaft viel von den Hidden Champions lernen, die oft versteckt in den hinteren Ecken unseres Landes in erheblichen Maß zur gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung beitragen – nicht nur im finanziellen Sinn. Eine allgemeine Diskussion zu unseren Prinzipen verantwortlicher Unternehmensführung, die nicht zuletzt Resultat davon sind, Risiko und Haftung in einer Hand zu vereinen, kann den Weg für eine gesellschaftliche Generaldebatte ebnen. Wir verantwortungsbewussten Inhaberunterneh­mer*innen sind die Mehrheit. Leider schweigen wir. Viel zu oft.

Dr .Christoph Golbeck
lebt in einem Holzhaus, ist passionierter Fahrradfahrer und Politikwissenschaftler sowie Familienunternehmer in 2. Generation, Vorsitzender von Unternehmen Verantwortung Gesellschaft e. V. & Gründer eines Verkehrswende-Startups (www.mobilitaetshaus.eu).


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