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Neues Wirtschaften braucht ein verändertes Bewusstsein

Ein reflektierter Blick auf das Leben (Foto: Chuttersnap auf Unsplash)

Religion, Philosophie und Werte für die SDGs

Die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) beschreiben konkrete Transformations- und Nachhaltigkeitsziele, hin zu einer global gerechteren Welt. Welche Bedeutung besitzt ein Bewusstseinswandel für die Verwirklichung dieser Ziele? Und welchen Beitrag können Religionen, Philosophie, Haltung und Ethik hierzu leisten?

Von Achim Halfmann

Mit den 17 SDGs als einem globalen Wertekatalog, der Zielsetzungen für gutes Handeln benennt, beschäftigt sich das Weltethos-Institut. „Religionen spielen bei fast allen Zielen der Vereinten Nationen eine große Rolle“, sagt Instituts-Direktor Prof. Ulrich Hemel. Angesichts der aktuellen Diskussionen über eine klimaverträgliche und gesunde Ernährung verweist der katholische Theologe und Wirtschaftswissenschaftler darauf, dass fast alle Religionen Speisevorschriften und Regeln für einen sorgsamen Umgang mit Welt und Natur kennen. „In den meisten muslimischen Ländern gibt es keine Schweinezucht und in Saudi-Arabien etwa keine Produktion von Whisky und Bier.“ Zudem gelte im Islam ein strenges Zinsverbot, auch wenn es dazu „Umgehungsstrategien“ gebe.

„Natürlich gibt es in großen Religionen – wie in allen Gemeinschaften – Stimmen, die eine sehr rückwärtsgewandte Sicht der Welt vertreten“, so Hemel, der als Beispiel auf das Frauenbild der Taliban in Afghanistan verweist, das aber gerade nicht für alle Menschen im Islam typisch sei. „Ich sehe Religionen insgesamt aber als innovativ an.“ Im Christentum etwa sei es der Gedanke der Gottebenbildlichkeit des Menschen, der zum Einsatz für die Würde jedes einzelnen herausfordere und dem Christinnen und Christen nicht immer gerecht geworden seien.

Ein 18. SDG

Und so schlägt Hemel ein 18. Ziel für Nachhaltige Entwicklung vor: Unter der Überschrift „Gute Religiöse Praxis“ soll dieses SDG für das Recht auf Religions- und Kulturfreiheit, das Recht auf religiöse Bekehrung und die Abkehr von gewaltsamer religiöser Praxis sowie das Recht auf Freiheit für und von Religion stehen – und damit auch den Ansprüchen der Atheisten und Agnostiker gerecht werden.

Für ein 18. SDG setzt sich auch die Aachener Initiative „SDG 18“ ein – mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf dem „Bewusstseinswandel“. Die Initiatorin Madeleine Genzsch sagt: „In meiner Wahrnehmung sind die 17 SDGs zu eindimensional.“ Sie seien auf Strukturen, Organisationen und Systeme ausgerichtet. „Unser Ansatz ist ganzheitlicher.“ Die Politikwissenschaftlerin weiter: „Es geht darum, dass wir unsere Werte reflektieren und unsere eigene Verantwortung erkennen.“

Appelle greifen zu kurz

Eine wechselseitige Verantwortungszuweisung zwischen Politik, Unternehmen und Bürgern nach dem Motto „Ihr müsst es richten“ bringe die Gesellschaft auf dem Weg hin zu einer nachhaltigeren Zukunft nicht voran. So seien auch Appelle an einen nachhaltigeren Konsum zu kurz gegriffen. Genzsch weiter: „Das wirkt schnell von oben verordnet, überfordert viele Menschen und erzeugt Widerstand.“

Die Initiative SDG 18 will deshalb Möglichkeiten zu einer Reflexion der Prägungen, Werte und Haltungen fördern, auf denen individuelles Handeln und kollektive Zukunftsvorstellungen beruhen. Digitale Workshops zu den 17 Entwicklungszielen sollen solche reflexiven Prozesse unterstützen und als Grundlage für die Ausformulierung des 18. SDG dienen, das dann Ende 2022 als Vorschlag bei der EU eingereicht werden soll.

Madeleine Genzsch berichtet: „In dieser Woche sprechen wir – in Anlehnung an SDG 6 – über ‚Hygiene im Kopf‘. Unablässig läuft ein Gedankenstrom durch unseren Kopf. Unbewusste Prägungen und Antriebe, die maßgeblich beeinflussen, wie wir mit uns und der Welt umgehen. Für den Weg in die Nachhaltigkeit ist es essenziell, dass wir uns dieser Denkmuster bewusst werden.“ Innere Einkehr, z.B. durch Meditation und Gebet, könne dabei helfen, sich von nicht mehr dienlichen Gedanken zu befreien. „Wir müssen aufhören die Verständigung über Werte, Moral, Ethik und Haltung an religiöse oder spirituelle Institutionen outzusourcen, dieser Diskurs gehört wieder in die Mitte unserer Gesellschaft.“ Die Initiative SDG 18 sei nicht religiös ausgerichtet, Genzsch selbst bezeichnet sich als Buddhistin.

Viele Akteure sind religiös

In der evangelischen Welt entstand – ausgehend von den „Millennium Development Goals“ – die Micha-Initiative. Ins Leben gerufen wurde sie von der Weltweiten Evangelischen Allianz, einer 1846 gegründeten globalen Einheitsbewegung evangelikaler Christen.

„International sind ein großer Teil der Akteure der Entwicklungszusammenarbeit religiös“, sagt Uwe Heimowski, der Politikbeauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz. Wer also irgendwo auf der Welt ein nachhaltiges Unternehmen oder eine nachhaltige Initiative voranbringen wolle, der sei gut beraten, den Pastor oder den Imam mit einzubeziehen. Heimowski gehört zum erweiterten Vorstand der deutschen Micha-Initiative.

Ein entscheidendes Merkmal des christlichen Engagements zu den SDGs sei die Hoffnung, sagt Heimowski: „Wir wissen, dass es einen Schöpfer und Erhalter der Welt gibt.“ Das sei zugleich ein starkes Motiv für das Engagement für Gerechtigkeit. Heimowski weiter: „Wenn ich weiß, dass es einen Gott gibt, der am Ende für Gerechtigkeit sorgt, lässt mich das heute meinen Teil dazu beitragen und nicht resignieren.“ Zudem bringe der christliche Glaube den Aspekt der Demut in die Nachhaltigkeitsdebatte ein. „Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge, wir stehen in der Verantwortung vor Gott“, sagt Heimowski. Deshalb sei nicht alles, was möglich ist, auch sinnvoll.

Das inzwischen starke Engagement evangelischer Kirchen für die Umsetzung der SDGs sei zu einem wesentlichen Teil aus der Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung in der ehemaligen DDR hervorgegangen. Innerhalb der Evangelischen Allianz wurden erste Nachhaltigkeitsdebatten in den späten 80ger Jahren durch die sogenannte Lausanner Bewegung angestoßen. Das Thema sei im Alltagsleben evangelischer Gemeinden angekommen. Heimowski weiter: „Allerdings wünsche ich mir, dass unsere Schöpfungsverantwortung intensiver theologisch reflektiert wird und in unserer Lehre ein stärkeres Gewicht erhält.“

Der Transfer solcher Impulse in die Praxis des Wirtschaftslebens erfolgt über Unternehmerinnen und Unternehmer – gerade auch aus dem Mittelstand -, die sich in diesen Initiativen inspirieren lassen.

Achim Halfmann
ist Journalist und Medienpädagoge und lebt im Bergischen Land.
achim.halfmann@unternehmensverantwortung.net

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