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Gerechte digitalisierte Gesellschaften brauchen Zugang und Befähigung

Smartphone-Nutzerinnen im Bezirk Karsana, Nideria (Foto: Muhammadtaha Ibrahim Ma'aji auf Unsplash)

Technologische Bildung, ethisch und moralisch verankert

Die aktuell beobachtbaren digitalen Transformationen können als ein dynamisches Geschehen begriffen werden, das weit über eine rein technische oder technologische Seite der Digitalisierung hinausreicht. Mehr oder weniger alle unsere Lebensbereiche werden nämlich mittlerweile schon oder bald von digitalen Prozessen durchdrungen und so mutmaßlich auch entsprechend verändert. Dabei handelt es sich nicht um eine einseitige lineare Neuformierung unserer Lebenswelt durch die digitalen Technologien, beispielsweise durch die Nutzung moderner Kommunikationstools oder digitaler Assistenzen in unserem Alltag, die in ein beschleunigtes Weiter-so münden. Es handelt sich vielmehr um ein reflexives Geschehen, bei dem einerseits die digital-technologische Entwicklung auf gesellschaftliche Prozesse und Strukturen einwirkt, und bei dem andererseits die Weise der Akzeptanz und Nutzung der neuen digitalen Möglichkeiten die technologische Entwicklung perturbiert und triggert.

Von Andrea D. Bührmann und Matthias Schmidt

In ihrer Reflexivität, in der unbestimmten Wechselwirksamkeit verschiedenster Effekte der digitalen mit der analogen Welt, ist ein bedeutendes Bestimmungsmoment der Digitalen Transformationen zu vermuten. Daraus folgt, dass Menschen in digital transformierten Gesellschaften zwar unausweichlich von den Effekten der Transformation tangiert sein werden. Es bedeutet zugleich aber auch – und das ist alles andere als trivial –, dass sie ebenso unausweichlich die angesprochenen Digitalisierungsprozesse mithervorbringen und so mitstrukturieren. Bildlich gesprochen treten die Menschen in einer digitalisierten Gesellschaft den Pfad, auf dem diese sich entwickelt; und zugleich sind diese Menschen dabei selbst auf die Möglichkeiten zurückgeworfen, die ihnen ebendiese digitalisierte Gesellschaft, in die sie eingebunden sind, bietet.

Die digitalen Transformationen schlagen sich in der Reflexivität von digital-technologischen und analogen Entwicklungsprozessen unaufhörlich den Weg in die Zukunft. Doch – wie aus den skizzierten Zusammenhängen hervorgeht – muss es sich dabei nicht um ein Geschehen handeln, dem Menschen sich fatalistisch ausgeliefert sehen. Denn durch die spezifische eigene Art und Weise, wie Menschen mit den für sie wahrnehmbaren Chancen und Risiken der digitalisierten Gesellschaften umgehen, wie sie sie be/nutzen, bewerten und konstruktive Impulse setzen können, kann der Weg in die Zukunft gestaltet und ausgerichtet werden. Ein sinnstiftendes wünschenswertes Zukunftsbild, das auf die Frage „wie wollen wir in der digitalisierten Gesellschaft leben?“ eine Antwort gibt, kann dabei Orientierung geben. Zudem braucht es für einen konstruktiven Umgang mit digitalen Transformationen vor allem zwei Voraussetzungen: Den empirisch-praktischen Zugang zu digitalen Strukturen und Prozessen sowie die konkrete Befähigung zu einem Wissen um die Konsequenzen des eigenen Handelns in diesen Strukturen und Prozessen. Im besten Falle resultiert daraus aus unserer Perspektive ein verantwortungsvoller und bewusster Umgang mit den digitalen Herausforderungen.

Digitalität als Desiderat oder SDGs als sinnstiftende Zielkoordinaten

„The 2030 Agenda for Sustainable Development, adopted by all United Nations Member States in 2015, provides a shared blueprint for peace and prosperity for people and the planet, now and into the future.“ (1) Dieses Statement der Vereinten Nationen vermittelt, an der Idee der nachhaltigen Entwicklung orientiert, eine wünschenswerte Perspektive für das Zusammenleben der Menschen auf der Erde. Bei den zur Realisierung dieses Zukunftsbildes formulierten siebzehn Sustainable Development Goals (SDGs) (2) fällt auf, dass die zunehmende Digitalität der Welt keine explizite Erwähnung findet.

Der Zugang zur Welt des Digitalen und die Befähigung zu einem technologisch wie gesellschaftlich kompetenten Umgang mit der Digitalität könnte man als Desiderat bezeichnen, dem man durchaus ein eigenes, beispielsweise das achtzehnte SDG widmen könnte. Immerhin definieren die Teilhabe bzw. die Nicht-Teilhabe an der Digitalen Welt neue Formen sozialer Ungleichheit und damit oftmals Ungerechtigkeit, von der die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten der betroffenen Menschen schon bei der Ausgangssituation abhängen. In einer anderen Betrachtungsweise indes könnte man die SGDs als zielführende Kriterien für ein sinnstiftendes Zukunftsbild verstehen, das auch digitalisierten Gesellschaften einen Orientierungsrahmen bietet. Unter der Annahme, dass die Digitalität künftigen gesellschaftlichen Entwicklungen in hohem Maße eingeschrieben zu sein scheint, wäre die Leitfrage entsprechend: Wie lassen sich die siebzehn SDGs unter den Bedingungen der Digitalen Transformation realisieren?

Ob man nun die Digitalität als Desiderat bei den vorhandenen SDGs oder ob man die SDGs als Orientierungsrahmen für die Entfaltung der Digitalität in der Welt sieht, wäre ein sicher spannender Diskussionspunkt. Der Zugang zur digitalen Welt und die Befähigung zu einem guten Leben in der digitalen Gesellschaft sind und bleiben in beiden Fällen notwendig.

Zugang zur digitalen Welt

Der Zugang zum Internet und die damit verbundene Teilhabe an der digitalen Welt haben eine sehr grundlegende Bedeutung für die Behebung von sozialen Ungleichheitslagen und zu einem Mehr an Chancengerechtigkeit in der digitalen Gesellschaft – sei diese national oder global gedacht. Man kann feststellen, dass es eine tiefe Kluft zwischen den verschiedenen Regionen der Erde gibt, was den grundsätzlichen technologischen Zugang zur digitalen Welt anbelangt. Doch auch in der Gruppe derer, die einen grundsätzlichen Zugang haben könnten, können strukturelle sozioökonomische Ungleichheiten existieren, die sich in weiteren Ungerechtigkeiten und ungleichen Zukunftsmöglichkeiten fortschreiben. Man denke etwa an die vergleichsweise geringen Kosten für den Anschluss an (schnelles) Internet in einer Metropole des globalen Nordens und die überproportional hohen Kosten für einen Anschluss im globalen Süden, zumal im ländlichen Bereich.

Wie schon dieses einfache Beispiel zeigt, hat der Zugang zu digitalen Prozessen sowie das Ausmaß der Teilhabe daran weitreichende Auswirkungen sowohl auf die Behebung sozialer Ungleichheitslagen als auch auf eine Verbesserung der Chancengleichheit. Vor diesem Hintergrund sind beispielsweise auch aufkeimende Forderungen nach dem Internetzugang als Menschenrecht zu verstehen. Nicht zuletzt sei im Zusammenhang mit dem Zugang auch das Problem der Zensur angesprochen, die sich im Besonderen auf die Teilhabe an digitalen Kommunikationsnetzen und auf die Möglichkeit zur Informationsbeschaffung, mithin also zur reflektierten Meinungsbildung auswirkt. Doch bedarf es zu einer reflektierten Meinungsbildung in und über digitale Zusammenhänge mehr als des bloßen technischen Zugangs. Es braucht auch ein Vermögen zur kritischen Urteilsbildung, womit sich der Bogen zur Befähigung zum verantwortungsvollen Umgang mit Digitalität aufspannt.

Befähigung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Digitalität

Um mit dem gesellschaftlichen Phänomen der Digitalen Transformation konstruktiv und verantwortungsbewusst umgehen zu können, bedarf es einer entsprechenden Befähigung der Menschen. Modellhaft entsteht Befähigung eines Menschen durch das Zusammenwirken von dessen individuellen Vermögen mit den gegebenen Umständen, in denen er sich befindet. (3) Konkret betrifft dies sowohl die technologischen als auch die ethischen Kompetenzen eines Individuums, die es benötigt, um mit dem digitalen Wandel reflektiert und verantwortlich umgehen zu können. Mit bestimmten historisch-konkreten Konstellationen sind gesellschaftliche (und damit auch wirtschaftliche und technologische) Strukturen gegeben, die bestimmte Befähigungen fördern bzw. erfordern, um die gegebenen Herausforderungen zu meistern – oder auch um an ihnen zu scheitern.

Dabei stellen solche Strukturen sogenannte Entwicklungspfade dar, die die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten bedingen. Wie schon eingangs erwähnt, können solche Pfade beeinflusst werden. Indem in die Beeinflussung der Entwicklungspfade neben technologischen auch ethische und moralische Aspekte einfließen, kann es im Laufe der Zeit zu Werteverschiebungen in der Gesellschaft kommen. Es bilden sich neue technologische und ethische Umstände heraus, auf die die persönlichen Vermögen der Menschen treffen, und es entstehen erweiterte Befähigungen.

Für eine chancengerechte und zugleich verantwortungsbewusste Teilhabe an und in digitalisierten Gesellschaften scheint es grundlegend wichtig, Menschen empirisch-konkrete Zugänge zu digitalen Prozessen zu ermöglichen und sie – in der besten aller Welten – auch dazu zu befähigen, darum zu wissen, was die Konsequenzen von dem sein könnten, was sie tun. Dies impliziert also ein Set von Befähigungen, die zwar durchaus technologische Aspekte im Blick haben können und wohl auch müssen, die aber dennoch jenseits der digitalen Technologien ethisch bzw. moralisch begründet und verankert sein sollten.

Was dann inwiefern notwendig für eine aktive und zugleich reflektierte Teilhabe an digitalisierten Gesellschaften sein könnte, kann indes nicht abschließend, sondern vielmehr nur provisorisch auf/geklärt werden. Es ist zu vermuten, dass gerade in modernen pluralistischen und diversifizierten Gesellschaften dynamische Aushandlungsprozesse darüber, was eine gute und lebenswerte Gesellschaft unter den Bedingungen der Digitalität sein könnte, notwendig sind. Ansonsten würde man von möglichen technologischen und sozialen Entwicklungen und vielleicht ja auch Innovationen absehen. Deshalb ist es wichtig, kontinuierlich Wissen über einerseits die Zugangsmöglichkeiten und Erfordernisse zu sammeln, und andererseits zu prüfen, ob Menschen befähigt werden oder besser befähigt sind, über ihre Verantwortung in digitalen und digitalisierten Kontexten zu reflektieren.

An dieser Stelle schließen unsere Überlegungen an die Frage nach einer qualitativ wertigen Bildung in digitalisierten Gesellschaften an. Das könnte man am Beispiel der Digital Natives zeigen. Denn die Tatsache, dass die jungen, um die Jahrtausendwende geborenen, Menschen mit digitalen Geräten aufgewachsen und mit deren Nutzung sehr vertraut sind, führt nicht notwendigerweise dazu, dass sie deshalb deren Chancen und Risiken umfassend verstehen und bewerten können. Neben den Fähigkeiten, digitale Instrumente zu beherrschen, braucht es auch hier bei der Bildung eines im Umgang mit der digitalisierten Gesellschaft kompetenten Menschen ein grundlegendes Wissen um entscheidende Fragen der Inklusion, Diversität, Gerechtigkeit und Verantwortung.

Andrea D. Bührmann
ist Professorin für Diversitätsforschung und leitet das Institut für Diversitätsforschung an der Universität Göttingen.
E-Mail: andrea.buehrmann@uni-goettingen.de

 

Matthias Schmidt
ist Professor für Unternehmensführung/ Unternehmensethik an der Berliner Hochschule für Technik.
E-Mail:
mschmidt@bht-berlin.de

 

Anmerkungen

(1) United Nations: https://sdgs.un.org/goals

(2) Vgl. ebd.

(3) Vgl. Bührmann, Andrea D./ Schmidt, Matthias (2014): Entwicklung eines reflexiven Befähigungsansatzes für mehr Gerechtigkeit in modernen ausdifferenzierten Gesellschaften, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Was macht ein gutes Leben aus? Der Capability Approach im Fortschrittsforum, Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin, 37-46.

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